Technologien für den Wachstumsmarkt Energie und Umwelt

Die Nachfrage nach einer bezahlbaren, verlässlichen und umweltschonenden Energieversorgung steigt weltweit weiter an. Dieser wachsende Bedarf lässt sich nur durch den kontinuierlichen Ausbau erneuerbarer Energiequellen und den klugen Einsatz innovativer Technologien decken. Linde verfügt über die erforderlichen Kompetenzen, um eine effiziente Erschließung und Nutzung unserer Ressourcen zu ermöglichen. Mit seinem umfassenden Leistungsangebot im Bereich Clean Technologies ist das Unternehmen im strukturellen Wachstumsmarkt Energie und Umwelt global hervorragend positioniert und leistet einen wertvollen Beitrag zu einer nachhaltigen Energieerzeugung und -versorgung. Wasserstoff kommt dabei eine Schlüsselrolle zu – als Energieträger, zunehmend aber auch als Speichermedium.

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Bis 2050 wird sich der globale Energiebedarf voraussichtlich verdoppeln.

Geschätztes Marktvolumen für Technologien im Bereich Energie und Umwelt bis zum Jahr 2030:

80–140

Mrd. Euro

Rund

180.000

t CO2 werden bei Linde durch interne Energieeffizienzprojekte pro Jahr eingespart.

Bis zum Jahr 2023 soll die Zahl der öffentlichen Wasserstofftankstellen in Deutschland von derzeit

15

auf

400

zunehmen.

Reportage
Wasserstoff

Vielseitig verwendbar

Dr. Christoph Stiller – Leiter Energieproduktion und Speicherung Linde Innovationsmanagement (Bild)

Dr. Christoph Stiller – Leiter Energieproduktion und Speicherung, Linde Innovationsmanagement

Reportage

Wasserstoff ist nicht nur ein umweltfreundlicher Energieträger, sondern eignet sich auch hervorragend als Speichermedium – etwa für Energie aus regenerativen Quellen wie Sonne oder Wind. Linde ist technologischer Vorreiter auf diesem Gebiet und arbeitet an vielen Projekten, um die Vision einer nachhaltigen Energieversorgung und einer sauberen Mobilität Wirklichkeit werden zu lassen.

»Wie speichern wir die wachsenden Mengen an regenerativ erzeugter Energie am Besten?«

Dr. Christoph Stiller

Wasserstoff als Energiespeicher

Next

Wenn es um die Energieversorgung der Zukunft geht, ist eine der zentralen Fragen stets: Wie lässt sich sauberer Strom erzeugen? Mit Hilfe der Sonne, durch Wind oder durch Wasserkraft? Dr. Christoph Stiller, Leiter Energieproduktion und Speicherung beim Linde Innovationsmanagement, ist schon einen Schritt weiter. Für ihn lautet bei einer nachhaltigen Energieproduktion die entscheidende Frage: „Wie speichern wir die wachsenden Mengen an regenerativ erzeugter Energie am besten?“

Stiller steht vor einem Windpark im Süden Berlins, die einhundert Meter hohen Windrad-Türme rauschen im Herbstwind, die Energieproduktion läuft auf Hochtouren. Das ist nicht immer so, denn die Energieerzeugung aus Wind oder Sonne unterliegt – naturgemäß – Schwankungen: Der Wind bläst nicht immer und schon gar nicht gleichmäßig stark, und die Sonne scheint nur tagsüber – und auch das nicht immer – und in den gemäßigten Breiten auch nur im Sommer intensiv genug. Deshalb ist es für eine verlässliche Stromversorgung erforderlich, die aus Wind und Sonne gewonnene Energie zu speichern, um sie bei Bedarf abrufen zu können. Hierfür ist Wasserstoff (H2) geeignet. „Wasserstoff ist ein Schlüssel für unsere Energiezukunft“, erklärt der Ingenieur. „Er hat eine hohe Energiedichte, und er kann transportiert werden.“ Zudem ist Wasserstoff als großtechnischer Energiespeicher unschlagbar günstig. „Speichert man Energie in einer Batterie, muss man pro Kilowattstunde Speicherkapazität rund 400 Euro investieren. Speichert man Energie in Form von Wasserstoff in unterirdischen Kavernen, kostet das für die gleiche Kapazität deutlich weniger als einen Euro.“

Auch im Vergleich zu einem Pumpspeicherkraftwerk schneidet Wasserstoff gut ab. Die Kapazitäten von Pumpspeichern sind begrenzt, in Deutschland etwa können sie derzeit lediglich 40 Gigawattstunden Energie aufnehmen. Experten schätzen jedoch, dass für eine Stromversorgung ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen hierzulande rund 40 Terawattstunden nötig wären, also das Tausendfache. Ein weiterer Vorteil des Speichermediums Wasserstoff ist, dass es keinen Selbstentladungseffekt wie beispielsweise bei Batterien gibt.

Wasserstoffbetriebene Brennstoffzellenfahrzeuge erzielen problemlos Reichweiten von 400 Kilometern und mehr. (Bild)
Christoph Stiller fährt Auto (Bild)
Fernsehturm Berlin (Bild)
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Wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen-Fahrzeuge erzielen problemlos Reichweiten von 400 Kilometern und mehr.

Reichweite und Leistung werden im Bordcomputer angezeigt. (Bild)
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Mercedes F-Cell (Bild)

Reichweite und Leistung werden im Bord-Computer angezeigt.

Die Energie kann noch lange nach der eigentlichen Einspeicherung wieder freigesetzt werden. Das Verfahren, regenerativ erzeugte Energie zur besseren Speicherung in Gas – also etwa Wasserstoff – durch Elektrolyse umzuwandeln, bezeichnet man als Power-to-Gas. Für die anschließende Verwendung des „grün“ produzierten Wasserstoffs gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten.

„Zu Spitzenbedarfszeiten kann der Wasserstoff in Gaskraftwerken zurück in Strom oder in Blockheizkraftwerken in Strom und Wärme umgesetzt werden“, erläutert Stiller. Außerdem lässt sich der Wasserstoff ins Erdgasnetz einspeisen – entweder direkt, bis zu einem Volumenanteil von 5 Prozent, oder nach der sogenannten Methanisierung sogar unbegrenzt. Bei diesem Prozess wird der Wasserstoff zunächst durch den Zusatz von CO2 in synthetisches Erdgas verwandelt.

Christoph Stiller fährt Auto (Bild)
Clean Energy-Experte Dr. Christoph Stiller an der neuen Wasserstoff-Tankstelle am Flughafen Berlin. Linde setzt sich mit seinen Partnern für den Ausbau der Wasserstofftankstellen-Infrastruktur ein. (Bild)
Die neue Wasserstoff-Tankstelle am Flughafen Berlin. (Bild)
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Clean Energy-Experte Dr. Christoph Stiller an der neuen Wasserstofftankstelle am Flughafen Berlin. Linde setzt sich mit seinen Partnern für den Ausbau der Wasserstofftankstellen-Infrastruktur ein.

Der auf bis zu –40 Grad gekühlte Wasserstoff wird über eine Spezialvorrichtung vertankt. (Bild)
Tankstutzen (Bild)
H2 – Wasserstoff (Bild)
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Der auf bis zu –40 Grad gekühlte Wasserstoff wird über eine Spezialvorrichtung vertankt.

„Wasserstoff ermöglicht ganz neue Querverbindungen im Energiesystem“, sagt Stiller. „Wasserstoff ist ein Energiespeicher und ein Produkt, das vielseitig nutzbar ist.“

Vor diesem Hintergrund könnten zukünftig verstärkt Anlagen errichtet werden, in denen elektrische Energie in Wasserstoff umgewandelt wird. Das Innovationsmanagement von Linde spielt dabei eine wichtige Rolle: Es bewertet entsprechende Projekte und Technologien, konzipiert Maßnahmen zur Umsetzung – und kümmert sich dann um die Realisierung.

Wie beispielsweise im Energiepark Mainz. Dort investieren Linde, Siemens und die Stadtwerke Mainz, unterstützt durch das Bundeswirtschaftsministerium in der „Förderinitiative Energiespeicher“, insgesamt 17 Millionen Euro in die Errichtung einer Wasserstoff-Anlage, die bis zu sechs Megawatt elektrische Leistung aufnehmen kann – also etwa die Strommenge von drei Windkraftanlagen – und bis zu 200 Tonnen Wasserstoff jährlich produzieren wird. Ein Teil des Wasserstoffs wird in eine lokale Erdgasleitung eingespeist und bei Bedarf in einem modernen Gas- und Dampfkraftwerk wieder verstromt.

Power-to-Gas kann sich nicht nur zu einer Schlüsseltechnologie für die Energiewende entwickeln, sondern auch für den Straßenverkehr. So wird in Mainz auch eine Tankwagenabfüll-Station für die Belieferung von Wasserstofftankstellen eingerichtet. Die Anlage soll über eine Kapazität verfügen, um 1.500 wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen-Fahrzeuge zu versorgen. Auch Großkunden aus der Industrie können dann von dort grünen Wasserstoff für ihre Produktion beziehen. „Der Energiepark Mainz wird das bisher ambitionierteste Leuchtturmprojekt zur Wasserstoffenergiespeicherung, weil wir hier viele neue Technologieansätze kombinieren, und das zum ersten Mal in einer für das Energiesystem relevanten Größenklasse“, sagt Stiller. Die Inbetriebnahme ist für Frühjahr 2015 geplant.

Wasserstoff als Kraftstoff

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Regenerativ erzeugter Strom kann nach der Umwandlung in Wasserstoff „geparkt“ werden. Ein ionischer Kompressor – nicht größer als ein Container – erhöht vor der Betankung den Druck des gespeicherten Wasserstoffs. (Bild)
Ionischer Kompressor (Bild)
Wasserstoff-Speicher (Bild)
Christoph Stiller (Bild)
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Regenerativ erzeugter Strom kann nach der Umwandlung in Wasserstoff „geparkt“ werden. Ein ionischer Kompressor – nicht größer als ein Container – erhöht vor der Betankung den Druck des gespeicherten Wasserstoffs.

Vor dem Windpark im Süden Berlins steigt Christoph Stiller in ein Auto und beschleunigt in wenigen Sekunden auf mehr als 50 km/h – lautlos. Der Linde Experte sitzt in einem Mercedes F-Cell, einem wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen-Fahrzeug. „Wasserstoff- und Elektromobilität sind keine konträren Konzepte“, sagt er. „Wie ein Batterieauto fährt auch dieses Fahrzeug elektrisch und emissionsfrei.“ Die Kombination von Wasserstoff und Brennstoffzelle ergibt bei dem Modell von Mercedes eine Reichweite von 400 Kilometern, bei einer Betankungszeit von nur drei Minuten. Das ist kaum länger, als die Betankung eines herkömmlichen Autos mit Verbrennungsmotor erfordert.

Der Wasserstoff wird dabei in Gasbehälter gedrückt, die unter der Fahrgastzelle im Boden integriert sind. Aus diesen Tanks fließt der Wasserstoff in eine Brennstoffzelle. Dort reagiert er mit Luftsauerstoff, produziert elektrischen Strom, und der Elektromotor treibt damit den Wagen über die Vorderachse an. Eine zusätzliche Hochvoltbatterie nimmt beim Bremsen Bewegungsenergie auf, die wiederum ein kraftvolles Beschleunigen ermöglicht. Bei der Fahrt zum neuen Berliner Großflughafen entstehen keine Emissionen, nur ein wenig Wasser tropft aus dem Auspuff, wenn Christoph Stiller stark beschleunigt. Ansonsten: Nur Wasserdampf, egal ob bei Stop-and-go im Stadtverkehr oder Tempo 160 auf der Autobahn. „Dieses Auto macht richtig Spaߓ, sagt Stiller, als er auf das Gelände der neu eröffneten Total-Tankstelle am Berliner Großflughafen einbiegt. „Es erfüllt alle Anforderungen hervorragend, die man an ein zeitgemäßes Fahrzeug stellt.“

In Blickweite der Flugzeugkerosintanks steht die Wasserstoffzapfsäule. Christoph Stiller hängt den Tankschlauch nach wenigen Minuten zurück in die Vorrichtung. Der Wagen ist schon vollgetankt, der Griff ein wenig kalt geworden. Wasserstoff strömt mit bis zu minus 40 Grad in die Druckgasbehälter des Autos. Geruch? Fehlanzeige. Der für den Straßenverkehr genutzte Wasserstoff muss zu 99,999 Prozent rein sein, auf eine Million Wasserstoffmoleküle dürfen also maximal nur zehn andere Moleküle kommen. Dafür sorgt Linde bei jedem Arbeitsschritt, direkt am Flughafen Berlin. Der Wasserstoff, den man hier tanken kann, wird zurzeit noch aus Leuna angeliefert, wo er aus Rohglycerin oder Bioerdgas hergestellt wird. Ab Mitte 2014 wird er vor Ort in einer Elektrolyse-Anlage produziert werden. Im Projekt H2-BER zeigt Linde gemeinsam mit den Partnern Total, Enertrag und McPhy, wie Power-to-Gas bereits heute den Mobilitätsalltag verändern kann. Das Projekt wird durch das Nationale Innovationsprogramm Wasserstoff und Brennstoffzellentechnologie (NIP) gefördert.

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Hohe Anforderungen: Wasserstoff für die Elektromobilität muss zu 99,999 Prozent rein sein.

Hohe Anforderungen: Wasserstoff für die Elektromobilität muss zu 99,999 Prozent rein sein. (Bild)
Christoph Stiller (Bild)

Energiespeicher

Kosten pro Kilowattstunde Speicherkapazität:
Batterie:
400 Euro
Wasserstoff:
<1 Euro

Die digitale Anzeige der Zapfsäule zeigt den Preis an: 9,50 Euro pro Kilogramm. Eine Tankfüllung kostet damit knapp 40 Euro. Christoph Stiller bezahlt mit Karte, wie alle Teilnehmer der „Clean Energy Partnership“, eines Zusammenschlusses von Unternehmen wie Total und Shell, Daimler, BMW, Volkswagen, Toyota und Hyundai, Siemens und Linde. Es ist ihr gemeinsames Ziel, der umweltfreundlichen Wasserstofftechnologie zum flächendeckenden Durchbruch zu verhelfen. Auf der Rückseite des Gebäudes trifft Stiller auf Alexander Zörner, der bei Linde Projektleiter für Wasserstoffanwendungen in der Region Nordost ist. „Diese Station ist etwas Besonderes“, sagt Zörner. „Wir haben hier die komplette Wasserstoffkette vereint – von der Ausgangsenergiequelle bis zur Nutzung.“ Tatsächlich entsteht beim Projekt H2-BER von der Wasserstoffproduktion bis zum Verkauf des Wasserstoffs an der Zapfsäule Mobilität an einem Ort. Die Windenergie wird in einer zwölf Meter langen Elektrolyse-Anlage in Wasserstoff umgewandelt. Der gasförmige Wasserstoff strömt mit einem Druck von rund 50 bar in einen hochmodernen von Linde entwickelten ionischen Verdichter. Hier wird der Druck so weit erhöht, dass der Wasserstoff mit 700 bar im Pkw gespeichert werden kann. Führende Fahrzeughersteller setzen mittlerweile auf Wasserstoffantriebe. In mehreren Ländern wird die Wasserstoffinfrastruktur Schritt für Schritt weiter ausgebaut hin zu einer landesweiten Abdeckung. So sollen in Deutschland bis Ende 2015 50 Tankstellen und in Japan bereits 100 Wasserstofftankstellen zur Verfügung stehen. Linde liefert schon heute Komponenten für die moderne Nutzung von Wasserstoff in die europäischen, asiatischen und amerikanischen Märkte. „Die Marktreife ist da“, sagt Christoph Stiller. „Jetzt geht es darum, in den Pilotprojekten Erfahrungen zu sammeln und der Wasserstofftechnologie schnellstmöglich, flächendeckend und wirtschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen.“ Wie am Flughafen Berlin.

Wasserstoffkreislauf

Vernetzte Wasserstoffwelt

Windparks produzieren große Mengen regenerative Energie: Diese kann je nach Bedarf direkt ins Stromnetz fließen, aber auch Elektroautos antreiben – oder zur Wasserstoffproduktion genutzt werden. Für den erzeugten Wasserstoff öffnen sich viele Wege: Dieser kann Brennstoffzellen-Fahrzeuge antreiben, anteilig ins Erdgasnetz gespeist oder für die Methanisierung zu synthetischem Erdgas genutzt werden. Auch Blockheizkraftwerke können Wasserstoff als Brennstoff nutzen.

Interview
Markus Bachmeier

Sauber, stark, schnell

Markus Bachmeier – Leiter Hydrogen Solutions (Bild)

Markus Bachmeier – Leiter Hydrogen Solutions

Interview

Wasserstoff gilt als Antrieb der Zukunft. Der umweltfreundliche Energieträger kann unsere Mobilität komplett verändern. Markus Bachmeier arbeitet gemeinsam mit Industriepartnern daran, der Technologie zum Markterfolg zu verhelfen. Ein Gespräch über große Reichweiten, kurze Betankungszeiten und die Errichtung einer effizienten Infrastruktur.

»Weltweit gibt es heute rund eine Milliarde Autos, Tendenz steigend. Wenn in fünf oder zehn Jahren nur 1 oder 1,5 Prozent dieser Fahrzeuge mit Wasserstoff betankt werden, dann entsteht daraus ein enormer Markt. Wir haben diese Chance früh erkannt.«

Markus Bachmeier

Was ist das Faszinierende an der Wasserstoffmobilität?

Für den Nutzer ist das Interessanteste sicherlich die enorme Fahrfreude und Praxistauglichkeit, die ein derart umweltfreundliches Auto bietet. Der Wasserstoffantrieb verursacht keinerlei Emissionen. Die Fahrzeuge sind leise, sauber und kraftvoll. Für uns als einen der größten Hersteller von Wasserstoff ist es beeindruckend, welches Potenzial der Energieträger Wasserstoff bietet und welche Erzeugungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. So werden wir beispielsweise mehr und mehr erneuerbare Energien, vor allem Wind- und Solarenergie, für die Wasserstoffproduktion nutzen.

Welches wirtschaftliche Potenzial bietet die Wasserstoffmobilität?

Weltweit gibt es heute rund eine Milliarde Autos, Tendenz steigend. Wenn in fünf oder zehn Jahren nur 1 oder 1,5 Prozent dieser Fahrzeuge mit Wasserstoff betankt werden, dann entsteht daraus ein enormer Markt. Wir haben diese Chance früh erkannt: Seit mehr als 25 Jahren investiert Linde gezielt in die Weiterentwicklung der Wasserstoffbetankungstechnologie und -infrastruktur.

Stellen Sie insgesamt ein gesteigertes Interesse an Wasserstoffantrieben fest?

Auf jeden Fall, denn wir brauchen Lösungen, um die CO2-Emissionen deutlich zu reduzieren. Immer mehr unserer Kunden und Partnerunternehmen erkennen hier das Potenzial der Wasserstofftechnologie. Auf Seiten der Autoindustrie haben sich in den vergangenen zwölf Monaten neue, schlagkräftige Allianzen gebildet. Premiumhersteller und Volumenhersteller arbeiten in Asien, Europa und Amerika immer enger zusammen. Daimler, Ford und Nissan etwa haben angekündigt, gemeinsam Wasserstoffautos zu bauen, VW hat jüngst einen Entwicklungsauftrag an einen Brennstoffzellen-Hersteller vergeben, und Hyundai, Toyota und Honda planen, von 2015 an große Stückzahlen zu produzieren. Wir rechnen fest mit weiteren Serienanläufen von 2017 an.

Welche technischen Herausforderungen sind noch zu bewältigen?

Die Industrie hat ihre Hausaufgaben gemacht, die wichtigsten technischen Anforderungen für die Wasserstoffmobilität sind bereits erfüllt: Die Kaltstartfähigkeit der Autos bis minus 35 Grad ist mittlerweile gewährleistet, eine Tankfüllung reicht heute schon bis zu 700 Kilometer weit, und die Tankzeit beträgt durchschnittlich nur drei Minuten, also nicht länger als bei einem herkömmlichen Diesel- oder Ottomotor. Es gibt heute weltweit gültige Standards für die Betankung, dafür haben wir uns sehr frühzeitig eingesetzt. Wir bieten maßgeschneiderte H2-Tankstellen an und arbeiten parallel dazu an einer landesweiten Basisversorgung für den Individualverkehr.

Linde ist also eine Art Vorreiter auf dem Gebiet der Wasserstoffmobilität?

Eindeutig ja. Wir sind beispielsweise Gründungsmitglied der Wasserstoffinitiativen Clean Energy Partnership und H2Mobility, wir sind von den USA über Europa bis Asien aktiv, arbeiten mit zahlreichen Partnerunternehmen und nicht zuletzt mit Regierungsstellen zusammen, um die Wasserstoffinfrastruktur zu planen und dann ganz konkret umzusetzen. Wir haben uns bereits vor rund zehn Jahren öffentlich mit den großen Potenzialen der Wasserstofftechnologie beschäftigt und mit unserem International Hydrogen Day ein entsprechendes Forum geschaffen.

Stehen Wasserstoffautos in Konkurrenz zu batteriebetriebenen Fahrzeugen?

Auch Wasserstoffautos sind letztlich Elektroautos, nur: Der Elektromotor wird hier nicht durch eine Batterie angetrieben, sondern durch die Brennstoffzelle in Verbindung mit Wasserstoff. Wir gehen davon aus, dass sich diese beiden CO2-freien Technologien ergänzen werden. Bei kleineren Fahrzeugen und kürzeren, innerstädtischen Fahrstrecken ist der Batteriebetrieb durchaus sinnvoll. Aber wenn es um größere Fahrzeuge, längere Strecken und um Flexibilität bei den Betankungszeiten geht, dann ist der Wasserstoffantrieb für den Kunden deutlich attraktiver.

Linde investiert auch in die Wasserstoffmobilität für Nutzfahrzeuge. Wie sind die Perspektiven für diesen Bereich?

Für Nutzfahrzeuge ist der Wasserstoffantrieb schon heute eine wirtschaftliche Alternative. Wir versorgen beispielsweise die Staplerflotte im BMW-Werk in Spartanburg in den USA mit Wasserstoff. Ähnliche Projekte betreiben wir auch bei Coca-Cola und Walmart. Alle sogenannten Back-to-Base-Flotten – also Stapler, Busse oder auch Taxen – sind prädestiniert für den Einsatz von Wasserstoff. Bei solchen Einsatzbereichen können wir die Betankungsinfrastruktur so auslegen, dass die Anlage von Anfang an optimal ausgelastet ist und damit die Kosten für die Kunden sinken.

Übertragen Sie dieses Wissen auch auf andere Projekte?

Wir nutzen dieses Know-how unter anderem im öffentlichen Nahverkehr. An der Ostseite der Bucht von San Francisco haben wir die landesweit größte Wasserstoffbetankungsanlage für Busse gebaut. Dort werden jeden Tag zwölf Busse und mehrere Autos betankt. In Hamburg haben wir in der HafenCity ebenfalls eine Tankstelle errichtet, die hauptsächlich vom öffentlichen Nahverkehr genutzt wird. Und in Bozen, Südtirol, ist bereits die Eröffnung der nächsten Station geplant. Wir sind schon heute in der Lage, Tankstellen zu bauen, die eine Versorgung von bis zu 120 Bussen täglich ermöglichen – dies entspricht bereits einem größeren städtischen Busdepot. Im Nutzfahrzeugbereich wird der Trend mehr und mehr zu größeren Infrastruktureinheiten gehen, weil diese einfach wirtschaftlicher betrieben werden können.

Wo liegen die nächsten Herausforderungen für eine effiziente Wasserstoffmobilität – insbesondere mit Blick auf den Individualverkehr?

Im Pkw-Bereich arbeiten wir an einer Basisabdeckung der jeweiligen Märkte. In Deutschland sind hierfür rund 150 Tankstellen erforderlich. Die ersten 50 werden unsere Partner und wir über ein Programm bis 2016 errichten. Sobald diese Grundabdeckung vorhanden ist, werden die Autofahrer erkennen, dass sie mit einem Wasserstoff-Pkw einen ähnlichen Bewegungsradius wie mit einem benzinbetriebenen Fahrzeug haben. Zugleich ist es unser Ziel, den Flächenbedarf pro Wasserstoffstation an den Tankstellen zu reduzieren. Ein gutes Beispiel ist die H2-Tankstelle am Flughafen Berlin. Hier haben wir eine Anlage integriert, die vor Ort Windenergie in Wasserstoff umwandelt – der dann direkt vertankt werden kann.

Welche Chancen bietet grüner Wasserstoff?

Bei der Herstellung von grünem Wasserstoff fällt sehr wenig oder gar kein CO2 an. Es gibt viele Erzeugungspfade für grünen Wasserstoff, beispielsweise auf Basis von Biomasse, wie bei unserer H2-Demonstrationsanlage in Leuna oder etwa durch die Elektrolyse. Hierbei wird Wasser mit Hilfe erneuerbaren Stroms in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespaltet. Diese Verknüpfung von erneuerbaren Energien und Mobilität ist ein weiteres großes Plus der Wasserstofffahrzeuge.

Dennoch wird Wasserstoff nach wie vor hauptsächlich aus Erdgas gewonnen. Warum?

Weil diese Methode immer noch die kostengünstigere ist. Und eines darf man nicht vergessen: Auch bei der herkömmlichen Produktion aus Erdgas fallen im Vergleich zu Diesel oder Benzin 30 Prozent weniger CO2-Emissionen an. Aber nochmals: Wir wollen den Anteil des grün erzeugten Wasserstoffs Schritt für Schritt weiter erhöhen.

Was sind für Linde die nächsten Meilensteine beim Thema Wasserstoffmobilität?

Wir werden unsere Betankungstechnologien kontinuierlich weiterentwickeln. Hier geht es vor allem darum, die Kosten der Tankstellen weiter zu senken, die Benutzerfreundlichkeit und die Zuverlässigkeit weiter zu erhöhen und den Platzbedarf zu verringern. Zudem werden wir gemeinsam mit unseren Partnern den Infrastrukturaufbau auf eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage stellen. Bei Leuchtturm-Projekten wie der Tankstelle Berlin Sachsendamm beweisen wir bereits heute die Alltagstauglichkeit der Wasserstoffmobilität. Jetzt stehen wir vor der nächsten Stufe, dem Beginn des flächendeckenden Tankstellenaufbaus.