Ganzheitliche Gesundheitsversorgung

Dr. Christian Wojczewski – Leiter der Global Business Unit Healthcare (Bild)

Dr. Christian Wojczewski – Leiter der Global Business Unit Healthcare

Interview

Mehr als 1,4 Millionen Patienten und tausende von Ärzten und Therapeuten weltweit versorgt Linde derzeit im Bereich Healthcare mit medizinischen Gasen, medizinischen Geräten, klinischer Behandlung und Therapien sowie den damit verbundenen Dienstleistungen. Der Gesundheitsmarkt ist für den Technologiekonzern ein Wachstumstreiber. Dr. Christian Wojczewski, Leiter der Global Business Unit Healthcare, spricht über globale Chancen, innovative Produkte und die Vorteile einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung.

»Der demographische Wandel ist für uns ein Wachstumstreiber.«

Dr. Christian Wojczewski

Welche Ziele verfolgt Linde im Bereich Healthcare?

Wir haben im Jahr 2012 einige große Akquisitionen getätigt und beispielsweise mit Lincare das größte respiratorische Homecare-Unternehmen der USA erworben. Die Integration läuft sehr gut, und im laufenden Jahr 2014 wollen wir hier weitere Potenziale erschließen. Als größter Healthcare-Anbieter der Gaseindustrie haben wir darüber hinaus sehr klare Vorstellungen davon, wie wir uns langfristig positionieren werden. Wir wollen unsere Marktführerschaft weiter ausbauen, innovative Produkte entwickeln und gezielt in neue Märkte investieren.

Die Bevölkerung wird immer älter. Wie macht sich der demographische Wandel für Linde bemerkbar?

Der demographische Wandel ist für uns ein Wachstumstreiber. Auf der Erde leben derzeit rund 400 Millionen Menschen, die 65 Jahre alt oder älter sind. Im Jahr 2050 werden es in dieser Altersgruppe eine Milliarde Menschen mehr sein. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Wahrscheinlichkeit einer chronischen Erkrankung wie COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease = chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, Anm. d. Red.) in diesem Alter rapide ansteigt, erkennt man schnell, welche Potenziale diese Entwicklung bietet.

Ist der deutlich ansteigende Anteil der über 65-Jährigen ein Phänomen, das sich auf wenige Länder beschränkt?

Nein. Wir sehen hier einen weltweiten Trend. In Europa etwa wird bis 2050 mehr als ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein. Auch in China wächst der Anteil der älteren Menschen rasant – dort vor allem als Resultat der Ein-Kind-Politik. Hinzu kommt, dass die medizinische Versorgung nicht nur in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, sondern auch in Südamerika, im Mittleren Osten oder in Osteuropa deutlich besser geworden ist. Auch in diesen Teilen der Welt steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an.

Wie stark sind die Wachstumsraten in diesen Ländern?

Die Wachstumsraten in diesen Regionen liegen durchgängig im zweistelligen Prozentbereich. Wir spüren sehr deutlich, dass die genannten Staaten Milliardenbeträge in ihr Gesundheitswesen investieren. Das ist auch dringend notwendig, denn der asiatische Gesundheitsmarkt ist noch längst nicht auf einem europäischen Niveau. Um dies zu erreichen, müssten zum Beispiel zehn Millionen zusätzliche Krankenhausbetten eingerichtet werden.

Im respiratorischen Homecare-Markt ist Linde mittlerweile weltweit führend. Wie sieht Ihr Angebot in diesem Segment aus?

Wir bieten eine breite Palette von Therapieformen und klinischen Dienstleistungen im häuslichen Bereich an – von der Sauerstofftherapie bis zur Behandlung von Schlafapnoe. Dabei ist unser oberstes Gebot, ein Höchstmaß an Qualität bei der Patientenversorgung zu gewährleisten – denn das ist letztlich die Grundlage, um die Marktführerschaft weiter ausbauen zu können.

Wie wichtig ist in diesem Geschäftsfeld die Größe?

Gerade im Homecare-Bereich spielt die Größe eine besondere Rolle, denn diese garantiert die Dichte des Versorgungsnetzes und bestimmt, wie kosteneffizient das Geschäft betrieben werden kann. Wir betreuen derzeit etwa 1,4 Millionen Patienten weltweit. Das entspricht einem Zuwachs von ungefähr 100.000 im Vergleich zum vergangenen Jahr.

Wo sehen Sie für Healthcare insgesamt in den kommenden Jahren die größten Chancen?

Im Geschäftsfeld Hospital Care, also bei der Versorgung von Krankenhäusern mit medizinischen Gasen, medizinischen Geräten und Serviceangeboten, ist es eindeutig der Bereich Dienstleistungen, der weiter wachsen wird. Überdurchschnittlich dürfte sich das gesamte Segment Hospital Care zudem in den aufstrebenden Volkswirtschaften entwickeln. Darüber hinaus befinden sich weiterhin die pharmazeutischen Gase – wie beispielsweise ein Lachgas-Sauerstoff-Gemisch – auf dem Wachstumspfad. Bei Homecare sehen wir weltweit Entwicklungspotenzial, weil sich in allen Ländern mehr und mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass Pflege im häuslichen Bereich nicht nur das Gesundheitssystem kostenmäßig entlastet, sondern auch den Patienten guttut.

Woran liegt das?

Der Hauptgrund ist: Die Behandlung von Patienten im Krankenhaus ist teurer als die Betreuung zuhause, auch deshalb hat der Homecare-Markt in den vergangenen Jahren einen enormen Schub erfahren. In Deutschland konnten wir in diesem Bereich im vergangenen Jahr übrigens ein Jubiläum feiern: 25 Jahre Homecare-Sauerstofftherapie, und unser erster Homecare-Patient überhaupt war dabei. Er berichtete, dass es ihm nicht so gut ginge, wenn er nicht seit 25 Jahren von Linde betreut würde. Das nenne ich eine Erfolgsgeschichte.

Wie wichtig sind die Entwicklungen im Bereich Telemedizin für die zukünftige Patientenversorgung?

Telemedizin, oder Telehealth, war bis vor kurzem noch eine ferne Vision. Heute ist es Realität, und auch wir erkunden dieses Feld beispielsweise in Spanien. Telehealth bietet für alle Beteiligten viele Vorteile. So kann etwa ein Patient mit Atemwegserkrankungen wie COPD individueller und proaktiver versorgt werden. Dazu werden täglich verschiedene Vitalparameter, wie Atemfrequenz, Sauerstoffkonzentration im Blut, Puls und Blutdruck, gemessen und automatisch an ein klinisches Callcenter übermittelt. Sollten einer oder mehrere dieser Werte aus dem festgelegten Rahmen fallen, wird der zuständige Arzt benachrichtigt, um umgehend entsprechende Therapiemaßnahmen einzuleiten. Dadurch können beispielsweise Krankenhauseinweisungen vermieden werden. Telehealth hilft den Patienten im Alltag, unterstützt den Arzt bei der Therapieoptimierung – und entlastet letztlich die Gesundheitssysteme, weil die Behandlung deutlich effizienter wird.

Wie stellen Sie sich die ideale Gesundheitsversorgung vor?

Ich denke, es wird zukünftig immer mehr auf das ankommen, was viele Experten als „Integrated Disease Management“ bezeichnen. Wir wollen durch unsere Produkte, unseren Service und unsere Therapien auf jeder Stufe der respiratorischen Behandlung wirklichen Mehrwert bieten: vom Wissen über ein Krankheitsbild über die Diagnose bis hin zur Behandlung der Krankheit in all ihren Aspekten. Es geht um eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Themas Erkrankung und Patient, um den gesamten Menschen. In manchen Fällen muss ein COPD-Patient beispielsweise täglich mit Sauerstoff therapiert werden; sollte sich sein Zustand aber plötzlich verschlechtern, ist gegebenenfalls ein Krankenhausaufenthalt unumgänglich, dort wird möglicherweise eine Beatmungstherapie notwendig. Anschließend wird er vielleicht in einem unserer REMEO®-Zentren – einer Versorgungseinrichtung für mechanisch beatmete Patienten – für einige Zeit betreut, bevor er wieder in sein eigenes Zuhause zurückkehren kann.

Sie begleiten Ihre Patienten also durchgängig …

Ja, das ist unser erklärtes Ziel. Sehen Sie, wir wollen die Gesamtbetreuung des Patienten nachhaltig verbessern, die Versorgungsqualität erhöhen – und gleichzeitig die Gesamtkosten reduzieren.

Ein guter Ansatz, um die Marktführerschaft im Bereich Healthcare zu festigen …

Nur so kann es gelingen. Es gilt, unsere Patienten, die Ärzte und Kostenträger tagtäglich davon zu überzeugen, dass wir eine herausragende Qualität und einen verlässlichen Service bieten, und dies zu angemessenen Kosten. Um dies dauerhaft gewährleisten zu können, entwickeln wir uns stetig weiter, in allen Geschäftseinheiten, bei jedem einzelnen Arbeitsschritt – zum Wohle des Patienten.