Von der guten Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell

Dr. Kevin McKeigue – Innovationsmanager und Leiter des Bereichs Nanotechnologie (Bild)

Dr. Kevin McKeigue – Innovationsmanager und Leiter des Bereichs Nanotechnologie

Interview

Linde fördert gezielt Innovationen, die das Potenzial haben, neue Märkte und Kundengruppen zu erschließen. In speziellen Projektgruppen arbeiten Experten aus dem Unternehmen mit renommierten Wissenschaftlern und Institutionen zusammen, um die Anwendungen zur Marktreife zu bringen. Dr. Kevin McKeigue erklärt, was man dabei beachten muss.

»Bei einer neuen Technologie wollen wir wissen: Gibt es einen Markt dafür? Und passt sie zu Linde?«

Dr. Kevin McKeigue

#1: Was macht erfolgreiches Innovationsmanagement aus?

Die Welt ist voll von guten Ideen, aber es gibt nicht genügend Ressourcen, um sich mit allen zu beschäftigen. Deshalb haben wir bei Linde einen Management-Prozess aufgesetzt, der Innovationen gezielt fördert. Wir beschäftigen uns dabei insbesondere mit den Bereichen, in denen wir für unser Unternehmen das größte Potenzial sehen. Zugleich wollen wir noch mehr Wissen im Unternehmen aufbauen, sozusagen einen Brainpool schaffen. Man kann zwar Technologien lizenzieren, aber eigene Patente und internes Know-how sind für uns viel wertvoller.

#2: Welche Kriterien sind dafür ausschlaggebend, ob Sie sich mit einer bestimmten Idee intensiver beschäftigen?

Zunächst entscheiden wir, ob ein Thema überhaupt zum Kerngeschäft unseres Unternehmens passt. Dann gilt es, die wichtigsten Fragen zu beantworten: Hat die Innovation das Potenzial für einen fundamentalen Technologie-Sprung? Bietet sie unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten? Gibt es einen Markt für die Technologie? Erfüllt sie die Anforderungen potenzieller Kunden?

#3: Lässt sich das immer so einfach beurteilen?

Man sollte sich in dem Bereich, in dem Sie nach neuen Lösungen suchen, schon hervorragend auskennen. Sie brauchen viel Erfahrung, um diese Fragen beantworten zu können, und man muss sehr schnell die Verbindung zwischen einer Innovation und deren tatsächlichen Anwendungsfeldern herstellen. Nur auf diese Weise können wir erkennen, ob es sich wirklich lohnt, dass wir uns längerfristig mit einem Projekt befassen.

#4: Und Linde verfügt über die entsprechenden Kompetenzen?

Aber ja. Wir sind ein traditionsreicher Technologiekonzern und haben die richtigen Leute, die das Potenzial von neuen Ideen und Verfahren bewerten können. Zudem sind wir in der Lage, Prozesse effizient zu organisieren. Nicht zu vergessen: Linde ist eine der ganz wenigen Firmen auf der Welt, die den kompletten Weg von einer kleinen Idee bis zur großen Anlage zu Ende gehen können. Das ist ein Vorteil, denn die Mitarbeiter, die zum Schluss eine Anlage bauen, können bereits zu Beginn der Forschung hinzugezogen werden.

#5: Wer entscheidet letztlich über die Finanzierung eines Projektes?

Sind wir von einem Thema überzeugt und halten es für förderungswürdig, bringen wir es in die entsprechenden Gremien für Innovation sowie Forschung und Entwicklung ein.

#6: Wie sind diese Gremien besetzt?

Dort sitzen Führungskräfte aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern sowie aus den Bereichen Forschung und Entwicklung und aus dem Innovationsmanagement. Hier konkurrieren die besten Vorschläge aus unserem Unternehmen miteinander. Sie sehen, es gibt also auch einen internen Wettbewerb um die besten Ideen.

#7: Wie entdecken Sie überhaupt neue Technologien für Linde?

Sie müssen sehr gut vernetzt sein und einen engen Austausch mit den renommiertesten Instituten pflegen. Der persönliche Kontakt ist wichtig, denn nur so erfahre ich zum frühestmöglichen Zeitpunkt von den wirklich interessanten Projekten.

#8: Haben Sie dafür ein aktuelles Beispiel?

In der Nanotechnologie haben wir gerade durch die enge Kooperation mit externen Wissenschaftlern ein Verfahren entwickelt, um aus Kohlenstoff-Nanoröhrchen einen Werkstoff herzustellen, der sich als Basis für formbare Smartphone- und Tabletbildschirme eignet.

#9: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Die Nanotechnologie ist ein sehr spezielles Feld, das eine besondere Expertise erfordert. Wir haben deshalb eine Projektgruppe mit Chemikern, Physikern und Materialwissenschaftlern aufgebaut, die bereits in diesem Bereich gearbeitet haben. Die Gruppe wird zusätzlich von einem übergeordneten Gremium, dem Advisory Board, beraten.

#10: Welche Aufgabe hat das Advisory Board?

Das Board, das sich aus Linde Managern und einer Professorin von der Universität Berkeley zusammensetzt, gewährleistet eine möglichst objektive Sicht auf das Projekt und kümmert sich um die erforderlichen Ressourcen. Das Gremium achtet auch darauf, dass wir stets die aktuellen Entwicklungen im Blick behalten und das jeweilige Projekt gegebenenfalls anpassen.

#11: Worauf kommt es bei der Zusammensetzung der Forschungsteams an?

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Motivation von Wissenschaftlern nicht unbedingt identisch ist mit den Zielen der Forscher und Manager aus der Industrie. Alle sind an der Entwicklung einer guten Technologie interessiert, bewerten aber vor allem den Erfolg eines Vorhabens durchaus unterschiedlich. Darauf müssen sich beide Seiten einstellen, damit die Kooperation funktionieren kann.

#12: Worin liegen die Hauptunterschiede?

In der Industrie gibt es andere Vorgaben, andere zeitliche Rahmenvorstellungen und auch andere Notwendigkeiten für die Realisierung von Projekten. Zudem ist es wichtig, dass die Unternehmen verstehen, dass Universitätsforscher nicht einfach Sub-Unternehmer sind, sondern anders arbeiten. Für einen erfolgreichen Wissenstransfer ist es unerlässlich, dass sich die Wissenschaftler mit ihren Industrie-Kollegen austauschen und konstruktiv zusammenarbeiten. Nur auf diese Weise kann der Schritt von der guten Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell gelingen.