Der Weg ist das Ziel

Andrew Smith – Leiter Distribution Flüssiggase (Bild)

Andrew Smith – Leiter Distribution Flüssiggase

Interview

Rund zwei Millionen Mal pro Jahr beliefert Linde weltweit Kunden mit Flüssiggasen. Das erfordert ein Höchstmaß an Flexibilität und Effizienz. Andrew Smith, Leiter Distribution Flüssiggase, erklärt, wie das Unternehmen die Versorgungskette stetig weiter optimiert.

»Es geht stets darum, die Beste Lösung zu finden.«

Andrew Smith

Welche logistischen Herausforderungen sind im Geschäft mit Flüssiggasen zu bewältigen?

Die Versorgungsketten, die wir für unsere Kunden aufgebaut haben, bestehen aus vielen Variablen. Nehmen Sie das wichtigste Element: das Produkt, unsere Flüssiggase. Wir stellen uns permanent die Frage: In welcher Menge soll es wann in welcher Anlage erzeugt werden? Das ist wichtig, denn die Produktionskosten, und hier im Besonderen die Energiekosten, haben einen direkten Einfluss auf die Transportwege. Es geht stets darum, die beste Lösung zu finden – das Umfeld ändert sich allerdings täglich. Lokal, regional und global.

Ihre Aufgabe ist es also, die Produktion und die Auslieferung unter sich ständig ändernden Voraussetzungen optimal abzustimmen?

Richtig. Stickstoff beispielsweise hat sehr kurze Lieferwege, weil es im Vergleich zu Edelgasen wie Argon preiswert und in großen Mengen hergestellt werden kann; es ist ein lokales Gas. Bei Stickstoff ist es entscheidend, wie dicht das Kundennetz in der Nähe der jeweiligen Luftzerlegungs-Anlage ist. Argon hingegen bezeichnen wir als regionales Gas, es kann problemlos 600 Kilometer weit transportiert werden.

Und Helium?

Helium ist ein noch selteneres, ein globales Gas. Es gibt nur ein Dutzend Quellen auf der Welt, eine wichtige ist in Katar. Von dort aus transportieren wir Helium zu unseren Kunden auf der ganzen Welt. Bei den Lieferwegen zählt am Ende immer eines: die Effizienz.

Sie haben den Faktor Energie angesprochen, wie groß ist dessen Einfluss auf die Produktion von Gasen?

Wir benötigen viel Energie, um unsere Anlagen zu betreiben. Wie effizient wir produzieren, hängt wesentlich davon ab, wie und wann die jeweilige Anlage arbeiten kann – unter welcher Auslastung, tagsüber, nachts oder an Wochenenden. Dies alles hat einen Einfluss auf die Konditionen, zu denen wir Strom beziehen. Der Strommarkt ist ständig in Bewegung und hat damit auch unmittelbare Auswirkungen auf unsere Transportwege.

Der Strommarkt unterscheidet sich zudem von Region zu Region …

Ja. Wenn wir zum Beispiel an der Westküste der USA die Produktion so steuern, dass nachmittags um fünf Uhr, wenn dort alle Menschen nach Hause kommen und ihre Klimaanlagen aufdrehen, unsere großen Luftzerlegungs-Anlagen nicht laufen und wir georderte Energie ins Netz zurückspeisen, erhalten wir dafür finanzielle Rückerstattungen.

Das heißt, es kommt auf größtmögliche Flexibilität an …

Wer bei Produktion und Transport schnell und flexibel ist, hat wirtschaftliche Vorteile. So kann es sinnvoll sein, einen Kunden von einem weiter entfernten Werk zu beliefern, weil man zu einem bestimmten Zeitpunkt dort günstiger produzieren kann. Für uns gilt der Leitsatz „Power versus Wheels“, wir setzen also stets die Energie in das Verhältnis zu den Transportkosten.

Wie organisiert Linde die Auslieferung an die Kunden?

Wir unterteilen die Auslieferung in zwei Aufgabenbereiche: Planning und Scheduling auf der einen Seite, also die variable Planung der Produktion und die stetige Ermittlung des Bedarfs, und auf der anderen Seite Transport Execution, die konkrete Organisation und Umsetzung der Lieferungen. Beide Bereiche stimmen wir exakt aufeinander ab, in Echtzeit. Wenn also in einem Werk ein Problem auftreten sollte, sind wir sofort in der Lage, unser Transport- und Produktionssystem schnell und genau auf eine neue Situation auszurichten.

Wie wichtig sind in diesem Prozess die Fahrzeuge?

Sie stehen naturgemäß am Ende der Logistik-Kette und haben eine hohe Bedeutung. Deshalb investieren wir gezielt in die weitere Verbesserung unserer Fahrzeuge und Tanks – in diesem Jahr rund 200 Millionen Euro. Es geht uns dabei um Innovationen, die dazu beitragen, unsere Marge nachhaltig zu verbessern.

»Wer den Verbrauch reduziert, erhöht die Wertschöpfung und schützt die Umwelt.«

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Ein Beispiel ist Aluminium, das wir zunehmend in unseren Tankfahrzeugen einsetzen, weil es ein sehr leichtes Material ist, das die Gesamtenergiebilanz verbessert und zu Kostensenkungen führt. Parallel rüsten wir um auf größere Tanks, um die Transportkosten noch weiter zu verringern. Insbesondere im Zusammenspiel mit der neuen, verbesserten Aerodynamik bei großen Lkws ist dies ein wichtiger Punkt. Deshalb arbeiten wir eng mit den Lkw-Herstellern zusammen. Schließlich gilt: Wer den Verbrauch reduziert, erhöht die Wertschöpfung und schützt die Umwelt.

Nutzen Sie elektronische Infrastruktur?

Dieses Thema gewinnt zunehmend an Bedeutung, und zwar auf allen Ebenen. Nehmen wir das Beispiel Telemetrie. Jeder unserer Kunden hat einen Tank auf seinem Gelände. Bislang kontrollierten die Kunden den Füllstand dieses Tanks selbst und meldeten sich telefonisch bei uns, wenn sie Nachschub benötigten, oder wir haben ihren Verbrauch geschätzt. Wir haben diesen Prozess inzwischen automatisiert und in den vergangenen Jahren an den Tanks Telemetrie installiert. Damit können wir jederzeit sehen, welche Menge Gas ein Kunde noch im Tank hat. Unsere Kunden müssen sich also nicht mehr um den passenden Belieferungszeitpunkt kümmern.

»Wir stimmen die Produktion und die Auslieferung exakt aufeinander ab.«

Aber nicht alles lässt sich durch technische Verbesserungen lösen, oder?

Nein, die Grundlage bilden nach wie vor ein funktionierendes Team und die Kommunikation untereinander. Wichtig ist, Informationen zu bündeln. Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise ein Programm gestartet, mit dem wir jede Woche die Produktion und die Auslieferung der Flüssiggase für ganze Märkte zentral optimieren und so schnell und flexibel agieren können wie nie zuvor.

Wo genau liegen die Vorteile einer zentralen Optimierungsstelle?

Wir haben alle wichtigen Informationen – wir verarbeiten täglich zehntausende – an einem Ort und können so unsere Produktion und die Auslieferung exakt aufeinander abstimmen. In weiten Teilen Europas haben wir dieses Konzept schon erfolgreich eingeführt, und in diesem Jahr wird China folgen.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie bisher aus dem Projekt gewinnen konnten?

Das System deckt viele kleine Details auf, in denen wir uns noch weiter verbessern können, zugleich liefert es aber auch Ansätze für neue, ganzheitliche Lösungen, mit denen wir unsere gesamte Versorgungskette stetig weiter optimieren.