Echte Partnerschaft

Sergey Shalyaev und Alexander Zvonov (Bild)

Sergey Shalyaev – Geschäftsführer von NLMK Kaluga (links)
Alexander Zvonov – Geschäftsführer von Linde Gas Russland (rechts)

Reportage

Für den Stahlkonzern NLMK hat Alexander Zvonov, Geschäftsführer der russischen Gasegesellschaft von Linde, das erste On-site-Projekt des Landes erfolgreich realisiert und damit einen Trend gesetzt. Denn immer mehr russische Unternehmen überlassen den Betrieb von Luftzerlegungs-Anlagen externen Gaseunternehmen.

Es ist ein sonniger und, selbst für russische Verhältnisse, ungewöhnlich kalter Morgen, an dem sich Alexander Zvonov und Sergey Shalyaev in Vorsino treffen. Zvonov, Geschäftsführer von Linde Gas Russland, will mit Shalyaev heute die Luftzerlegungs-Anlage besichtigen, die Linde im Auftrag des russischen Stahlkonzerns NLMK hier, 80 Kilometer südwestlich von Moskau, errichtet hat. Für Shalyaev, den Geschäftsführer der Stahlfabrik von NLMK in Vorsino, ist dies aber zugleich eine Einladung nach Hause, denn die Luftzerlegungs-Anlage steht auf dem Gelände seines Arbeitgebers. Ein Novum für den Stahlgiganten und eine Seltenheit auf dem russischen Industriegasemarkt, denn die heimischen Unternehmen bevorzugen es üblicherweise, am eigenen Standort ohne Fremdfirmen zu arbeiten.

Auf dem Gelände des russischen Stahlherstellers NLMK hat Linde eine neue Luftzerlegungs-Anlage errichtet. (Bild)
Sergey Shalyaev und Alexander Zvonov auf dem Gelände der neuen Luftzerlegungs-Anlage. (Bild)

Auf dem Gelände des russischen Stahlherstellers NLMK hat Linde eine neue Luftzerlegungs-Anlage errichtet.

Gesucht: ein Gaseunternehmen mit Expertise im Stahlmarkt

Als NLMK die Luftzerlegungs-Anlage im Jahr 2008 ausschrieb, suchte das Unternehmen einen zuverlässigen Partner, der internationale Standards mit einem marktgerechten Preis verbinden konnte. Nun stehen die beiden Männer neben den Pipelines, durch die Sauerstoff, Stickstoff und Argon direkt zum Stahlwerk geleitet werden. „Vorsino ist ein gutes Beispiel für die wachsende Nachfrage nach On-site-Anlagen. Dieses Konzept der Vor-Ort-Versorgung von Großkunden auf deren Firmengelände war in Russland bislang so nicht üblich, wird aber mittlerweile immer beliebter. Linde befindet sich hier an der Spitze eines sich entwickelnden Marktes“, sagt Alexander Zvonov.

Sollen wir Teile des Prozesses auslagern?

„Wir mussten NLMK nicht lange von der Qualität unserer Anlage überzeugen“, sagt der studierte Chemiker, „sondern davon, dass es für das Stahlunternehmen vorteilhafter ist, wenn wir diese Anlage bauen und auch betreiben.“ Mit der Engineering Division von Linde hatte NLMK – wie viele andere russische Stahlfirmen auch – in der Vergangenheit bereits gute Erfahrungen gemacht. Der wesentliche Unterschied liege nun darin, dass der Kunde nicht mehr für eine Anlage zahle, um die er sich selbst kümmern müsse, wie der 53-jährige Zvonov erklärt. „Linde baut und betreibt die Anlage selbst, investiert also am Standort des Kunden, und dieser zahlt für die abgenommene Menge an Gasen – und dies erst, wenn die Produktion beginnt, also aus den laufenden Einnahmen des Stahlwerks.“

„Am besten konzentrieren wir uns auf das, was wir gut können.“

Mit diesem in Vorsino umgesetzten Konzept folgt NLMK einem neuen Ansatz. An seinen anderen Produktionsstandorten hat das Unternehmen die jeweiligen Luftzerlegungs-Anlagen gekauft und den Betrieb selbst übernommen. „Wir haben anfangs darüber nachgedacht, dieses Modell auch in Vorsino fortzuführen, doch dann sind wir zu einem anderen Entschluss gelangt“, erläutert Shalyaev. „Wir haben erkannt, dass es für uns effizienter ist, den Betrieb auszulagern.“ Als sich das Tor zur großen Halle, in der sich die Luftzerlegungs-Anlage befindet, öffnet und den Blick auf ein weit verzweigtes Netz aus bunten Turbinen, großen Pipelines und Barometer-Kontrollständen freigibt, lächelt er und sagt: „Linde hat uns bewusst gemacht, dass es besser ist, wenn sich jeder auf das konzentriert, wovon er am meisten versteht.“

Im Fall von NLMK sind dies die Produktion und der Verkauf von Stahl, nicht das Erzeugen von reinen Industriegasen. Das Unternehmen, das im Jahr 2012 einen Umsatz von 12,2 Milliarden Dollar erwirtschaftete, erkannte dank seiner Expertise in Metallurgie, dass sich die Investition in ein Werk mit 1.250 Mitarbeitern am Standort Vorsino rentieren würde. Der Grund: Altmetall. Jedes Jahr produziert die Region um Moskau, mit 15 Millionen Einwohnern die größte Metropole in Europa, drei Millionen Tonnen Altmetall – ein Rohstoff, den ein Konzern wie NLMK zu reinem Stahl wiederverarbeiten kann.

On-Site-Versorgung des Stahlwerks. (Bild)
Linde Mitarbeiter überwachen die On-Site-Versorgung des Stahlwerks. (Bild)

Linde Mitarbeiter überwachen die On-Site-Versorgung des Stahlwerks.

Wir brauchen einen Partner, der mit uns gemeinsam alle Probleme löst

Im Mai 2013 lief die Luftzerlegungs-Anlage an und versorgt nun mit fast voller Leistung das Werk mit den Industriegasen, die für die Produktion von Stahl benötigt werden. „Neben dem Altmetall sind die Gase unser wichtigster Rohstoff“, sagt Shalyaev, der die Kapazität seines Stahlwerks auf etwa 1,5 Millionen Tonnen jährlich beziffert – sobald es komplett fertig gestellt ist. Denn, nicht ungewöhnlich für ein Großprojekt dieser Art, dauert es, bis die neue Anlage ihre maximale Produktionskapazität erreicht hat. Seit 2005 ist Shalyaev mit der Umsetzung des Werkes betraut und kann es kaum erwarten, endlich alle kleinen und großen Herausforderungen gemeistert zu haben: Im vergangenen Jahr brach etwa die Wasserversorgung auf der Baustelle zusammen; Linde und NLMK halfen sich unbürokratisch und bekamen das Problem gemeinsam in den Griff.

„Bei dem gesamten Projekt hat mir die Linde-Anlage am wenigsten Sorgen bereitet“, berichtet Shalyaev. „Wir hatten keinerlei Zweifel daran, dass die Anlage rechtzeitig fertig sein würde“, sagt er. Die beiden Männer gehen durch die Halle, während Zvonov erklärt, wo die Luft angesaugt wird, wo sich die Filter und Kompressoren befinden, wo Kohlendioxid abgetrennt wird und wo genau der Druck erhöht wird, um aus der Umgebungsluft hochwertige Industriegase zu gewinnen. Mittelgroße Anlagen wie die Luftzerlegungs-Anlage in Vorsino, in die insgesamt 37 Millionen Euro investiert wurden, gehören zu den Anlagen, die Linde in Osteuropa nun am häufigsten baut: „Unterm Strich ist der On-site-Ansatz für unsere Kunden günstiger, da wir nicht nur Industriegase für NLMK produzieren, sondern auch Flüssiggase auf dem freien Markt verkaufen“, sagt Alexander Zvonov: „Dies senkt die Kosten für den Betrieb der Anlage – ein Mehrwert, den wir in Form niedrigerer Preise für die Gase an unsere Kunden weitergeben können.“ Während draußen bereits die ersten mit Flüssiggas beladenen Lkws langsam über die noch etwas holprige Schotterpiste manövrieren, führt Zvonov Shalyaev zwischen den Röhren hindurch.

Hinweisschilder (Bild)
NLMK will künftig vermehrt auf On-site-Anlagen setzen, wie sie Linde in Vorsino bereits betreibt. (Bild)

NLMK will künftig vermehrt auf On-site-Anlagen setzen, wie sie Linde in Vorsino bereits betreibt.

Ein Projekt mit Vorbildcharakter

Ähnlich wie in anderen aufstrebenden Regionen ist auch der Markt in Russland durch überproportional hohe Wachstumsraten und einen besonders aggressiven Wettbewerb gekennzeichnet. Allein Linde wächst hier jedes Jahr um 15 bis 20 Prozent. Mit einem Marktanteil von rund 15 Prozent ist das Unternehmen der größte Gaseanbieter der Region.

Namhafte russische Konzerne setzen auf das Know-how von Linde. So errichtet das Gaseunternehmen beispielsweise in einem Joint Venture mit JSC KuibyshevAzot in Togliatti an der Wolga eine neue, energieeffiziente Ammoniak-Anlage, die nach Fertigstellung im Jahr 2016 etwa 1.340 Tonnen Ammoniak produzieren wird – pro Tag. Linde und JSC KuibyshevAzot halten jeweils 50 Prozent der Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen und investieren rund 275 Millionen Euro in das Projekt. Im Auftrag des Gas- und Petrochemieunternehmens Sibur investiert Linde in Dscherschinsk, einer Stadt östlich von Moskau, 70 Millionen Euro in Luftzerlegungs-Anlagen, die Ende 2015 in Betrieb gehen werden. Auch diese Luftzerlegungs-Anlagen sind klassische On-site-Projekte, sie entstehen auf dem jeweiligen Werksgelände und versorgen Sibur mit den Gasen, die das Unternehmen für seine Produktion benötigt.

„Man merkt, dass die Unternehmen in Russland umdenken“, sagt Zvonov, während er und Sergey Shalyaev aus der warmen Halle in das kalte russische Klima treten und ihre Schutzkleidung ablegen. „Man muss offen sein für Kooperationen“, ergänzt Shalyaev. Das gemeinsame Projekt hier in Vorsino ist dafür der beste Beweis. „Wir hatten viel Zeit, um uns kennen zu lernen“, sagt er, als er mit Alexander Zvonov das Gelände verlässt. „Wer langfristige Verträge mit einer Laufzeit von 20 Jahren abschließt, sollte sicher sein, dass er den richtigen Partner gefunden hat.“

Projektinformation

Linde

Alexander Zvonov

Der promovierte Chemiker und Geschäftsführer von Linde Gas Russland weiß genau, worauf es bei der Umsetzung von internationalen Großprojekten in seiner Heimat ankommt.

Projekt

Vorsino, Russland

Bau einer Luftzerlegungs-Anlage für NLMK

Inbetriebnahme:
Mai 2013

Investitionsvolumen:
37 Mio. Euro

Produktionskapazität:
9.000 Normkubikmeter gasförmiger Sauerstoff pro Stunde

NLMK

Sergey Shalyaev

Im Januar 2005 begann der heute 42-jährige Metallurgie-Ingenieur mit dem Bau des Stahlwerks NLMK Kaluga – was ihn vor Ort erwartete? Nichts, außer einer grünen Wiese.

Linde On-Site-Anlage Vorsino, Russland (Bild)