Emissionsfreie Mobilität

Wasserstoff

Wie lassen sich individuelle Mobilität und größtmöglicher Klimaschutz am besten miteinander vereinbaren? Über Hybridantriebe, mit Batteriefahrzeugen oder durch die Brennstoffzellentechnik in Verbindung mit Wasserstoff? Jedes dieser Konzepte hat seine eigenen Vorzüge, aber nur eines verbindet eine große Reichweite mit einer kurzen Betankungszeit und hoher Umweltverträglichkeit: die Wasserstofftechnologie.

Führende Automobilhersteller arbeiten seit Jahren intensiv an der Serienfertigung von wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellenfahrzeugen – jetzt werden sie erstmals in größerer Stückzahl auf den Straßen zu sehen sein. Ihre Versorgung gewährleistet Linde.

Das Unternehmen hat im Sommer 2014 in Wien die weltweit erste Kleinserienfertigung für Wasserstofftankstellen in Betrieb genommen und damit seine Vorreiterrolle auf diesem Gebiet erneut bestätigt.

„Wasserstoff ist der nächste logische Schritt“

Ähnlich wie Linde setzt sich auch das japanische Energie- und Gaseunternehmen Iwatani für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ein. Im Interview sprechen die Marketing Manager Hiroyuki Kusaka und Sadao Yasumi über das wachsende Interesse der Japaner an dem umweltfreundlichen Energieträger und erklären, warum ihr Unternehmen bei der Tankstellentechnologie auf den ionischen Verdichter von Linde baut.

Hiroyuki Kusaka und Sadao Yasumi, Marketing Manager bei Iwatani, im Anwendungstechnischen Zentrum von Linde in Wien (Österreich). (Foto)

Hiroyuki Kusaka und Sadao Yasumi, Marketing Manager bei Iwatani, im Anwendungstechnischen Zentrum von Linde in Wien (Österreich).

Der ionische Kompressor, eine Eigenentwicklung von Linde, ist das Hightech-Herzstück der Wasserstofftankstellen des Unternehmens. (Foto)

Der ionische Kompressor, eine Eigenentwicklung von Linde, ist das Hightech-Herzstück der Wasserstofftankstellen des Unternehmens.

Interview mit Hiroyuki Kusaka, General Manager, Gas Marketing Development, und Sadao Yasumi, Senior Manager, Gas Marketing Development, Iwatani Corporation

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Herr Kusaka, Herr Yasumi, Japan ist bekannt dafür, neue Technologien sehr früh zu adaptieren. Trifft dies auch auf die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie zu?
A

Hiroyuki Kusaka: Als Produkt, das bei der Kohle-Gasifizierung entsteht, ist Wasserstoff in Japan schon lange bekannt. Neu ist der Einsatz von Wasserstoff als Kraftstoff. Iwatani setzt sich dafür ein, den Menschen die Vorteile dieses umweltfreundlichen Energieträgers für die Mobilität näherzubringen. Wir veranstalten hierzu beispielsweise öffentliche Diskussionsrunden oder wissenschaftliche Kurse.

Welche Themen interessieren die Teilnehmer am meisten?
A

Hiroyuki Kusaka: Der Bereich Sicherheit steht häufig im Blickpunkt. Wir erläutern dann, warum der Umgang mit Wasserstoff mindestens ebenso sicher ist wie der mit anderen Kraftstoffen. Insgesamt ist das Vertrauen in die Wasserstofftechnologie in Japan deutlich gewachsen. Dazu haben auch die erfolgreichen Neuentwicklungen der Automobilhersteller beigetragen. Ähnliches gilt für die Brennstoffzellentechnologie. Übrigens: Mehr als 80.000 Haushalte in Japan setzen bereits auf stationäre Brennstoffzellen, um ihre Wohnungen zu heizen.

Ganz grundsätzlich: Warum investiert Iwatani in die Wasserstoffmobilität?
A

Sadao Yasumi: Historisch betrachtet bildete immer LPG (Liquefied Propane Gas = Flüssiggas oder Autogas) die Grundlage unseres Geschäfts. Auf diesem Fundament sind wir gewachsen, und damit haben wir auch eine wichtige Rolle bei der Kraftstoffrevolution gespielt, die sich in Japan in den 1950er Jahren vollzogen hat. Wenn Sie so wollen, ist Wasserstoff für unser Unternehmen jetzt der nächste logische Schritt in die Zukunft. Wir wollen auf dem Weg zu einer Wasserstoffgesellschaft einen Beitrag leisten, das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmensphilosophie.

Wie weit ist Japan beim Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur für die Mobilität?
A

Hiroyuki Kusaka: Es gibt in Japan ähnliche Initiativen wie in Europa oder in den USA. Ein Zusammenschluss aus 13 Unternehmen – dazu zählen drei Autohersteller und auch Iwatani – setzt sich für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ein. Die Initiative wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) unterstützt. Bis Ende 2015 sollen landesweit rund 100 Wasserstofftankstellen ihren Betrieb aufnehmen, und diese Zahl soll zehn Jahre später – so die Planung des Ministeriums – auf über 1.000 gestiegen sein. Es wird erwartet, dass zu diesem Zeitpunkt rund 2 Millionen Wasserstofffahrzeuge auf Japans Straßen unterwegs sein werden. Ein erster Schritt dahin ist gemacht: Toyota hat ja erst kürzlich sein Brennstoffzellen-Modell FCV auf den Markt gebracht.

Warum hat sich Iwatani für die Zusammenarbeit mit Linde entschieden?
A

Sadao Yasumi: Als es darum ging, den geeigneten Partner für den Ausbau unserer Wasserstoffaktivitäten zu finden, ist ein Expertenteam unseres Unternehmens im Jahr 2008 in verschiedene Länder gereist. Wir haben uns mit verschiedenen Kandidaten unterhalten und ihre technologische Kompetenz bewertet. Und, was soll ich sagen, Linde hat einfach das beste Gesamtpaket geboten. Insbesondere mit dem ionischen Kompressor hat das Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil. Bis heute haben wir vier Wasserstoffanlagen und 28 Wasserstofftankstellen bei Linde in Auftrag gegeben.

Wie muss man sich die Kooperation bei der Entwicklung der Wasserstofftankstellen im Detail vorstellen?
A

Sadao Yasumi: Wir haben von Beginn an sehr eng und konstruktiv auf der Grundlage einer Technologiepartnerschaft zusammengearbeitet. Ein Team von Iwatani-Ingenieuren war nahezu ständig vor Ort in Wien im Anwendungstechnischen Zentrum von Linde. So konnten wir alle Anforderungen mit Blick auf die in Japan geltenden Bestimmungen sehr genau abstimmen und notwendige Anpassungen zügig bis zur maßgeschneiderten Lösung umsetzen. Und bevor die Tankstelleneinheiten dann nach Japan verschifft wurden, haben unsere Experten auch die Testläufe begleiten können – auch das war wichtig.

Was war rückblickend die größte Herausforderung bei diesem Projekt?
A

Sadao Yasumi: Sagen wir es so: Es ist immer eine besondere Aufgabe, alle für den japanischen Markt erforderlichen Genehmigungen zu erhalten, die Standards sind hier sehr hoch. Aber gemeinsam mit Linde ist uns auch dies letztendlich gut gelungen.

Blick in eine fertig montierte Wasserstoff-Kompressorstation. (Foto)

Blick in eine fertig montierte Wasserstoff-Kompressorstation.

Linde Mitarbeiter Kubulay Avci montiert Komponenten einer Kompressorstation. (Foto)

Linde Mitarbeiter Kubulay Avci montiert Komponenten einer Kompressorstation.

In Wien erläutert Linde Key Account Manager Martin Pfandl (Mitte) Sadao Yasumi (links) und Hiroyuki Kusaka (rechts) die neue Serienfertigung. (Foto)

In Wien erläutert Linde Key Account Manager Martin Pfandl (Mitte) Sadao Yasumi (links) und Hiroyuki Kusaka (rechts) die neue Serienfertigung.

Wasserstoff – eine weltweite Bewegung

Wasserstoff – eine weltweite Bewegung – Japan (Grafik)

Japan

100

H2-Betankungs-Stationen

bis Ende 2015

Wasserstoff – eine weltweite Bewegung – USA Kalifornien (Grafik)

USA Kalifornien

70

H2-Betankungs-Stationen

bis Anfang 2016

Wasserstoff – eine weltweite Bewegung – Deutschland (Grafik)

Deutschland

50

H2-Betankungs-Stationen

bis Ende 2015

Ohne Tankstellen keine Fahrzeuge – ohne Fahrzeuge keine Tankstellen. Die Lösung für die Wasserstoffvariante des klassischen Henne-Ei-Dilemmas liegt in einem koordinierten und schrittweisen Aufbau der H2-Infrastruktur – beginnend in den Metropolregionen, in denen die ersten Brennstoffzellen-Testfahrzeuge unterwegs sind. So sind in den vergangenen Jahren unter maßgeblicher Beteiligung von Linde in Deutschland 16 öffentliche Wasserstofftankstellen entstanden.

Zeitgleich mit dem Hochlauf der Brennstoffzellenfahrzeug-Produktion wird die Anzahl der Stationen jetzt zügig steigen. Mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums soll das deutsche H2-Netz bis Ende 2015 auf insgesamt 50 Standorte erweitert werden. Doch das ist nur der erste Zwischenschritt. Die Industrieinitiative H2Mobility hat sich bereits über den weiteren Ausbau auf landesweit rund 400 Wasserstofftankstellen bis zum Jahr 2023 verständigt. Für dieses zukunftsweisende Infrastrukturprojekt werden Gesamtinvestitionen in Höhe von rund 400 Mio. EUR veranschlagt. Deutschland ist damit der Vorreiter auf dem Gebiet der Wasserstoffmobilität in Europa. Aber auch auf internationaler Ebene koordinieren Automobilhersteller, Energie- und Gaseunternehmen sowie staatliche Institutionen ihre Aktivitäten in diesem Bereich. Jüngstes Beispiel ist die europaweite Initiative HyFIVE, die im April 2014 in London gegründet wurde und rund 40 Mio. EUR in den Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur investiert.

Ähnlich ambitionierte Pläne verfolgt Japan. Dort fördert das METI (Ministry of Economy, Trade and Industry) eine Industrieinitiative zum Bau von 100 H2-Stationen, die bis Ende 2015 ihren Betrieb aufnehmen sollen (siehe Interview oben). Für zusätzliche Dynamik sorgen die heimischen Automobilhersteller: So hat Toyota im November 2014 sein erstes Serien-Brennstoffzellenfahrzeug präsentiert. Experten rechnen damit, dass im Jahr 2025 bereits 2 Mio. Brennstoffzellen-Pkw auf Japans Straßen fahren werden – versorgt von dann rund 1.000 H2-Tankstellen.

In Kalifornien – traditionell führend in Sachen Umweltschutz – listet die California Fuel Cell Partnership (ein Pendant zur Clean Energy Partnership in Deutschland) zurzeit neun Wasserstofftankstellen auf, hauptsächlich im Smog-gefährdeten Großraum Los Angeles. Im Dezember 2014 nahm in West Sacramento die erste öffentliche von Linde gebaute H2-Station den Betrieb auf. Zwei weitere hatte Linde bereits in den Jahren 2012/13 in der Nähe von San Francisco zur Versorgung von Brennstoffzellenbussen des Unternehmens AC Transit errichtet. Zusätzliche Stationen sind in Vorbereitung, so dass Kalifornien bis Anfang 2016 über etwa 70 H2-Betankungsstationen verfügen dürfte.